Ein Leben, mehr als nur ein Lebenslauf

Die besondere Website für besondere Menschen

Viele meiner Klientinnen und Klientin wünschen sich einen Einblick in das Leben von der Person, der sie ihre Ängste, Wünsche, Bedürfnisse, Zweifel und Ziele anvertrauen sollen. Verständlich. Genauso geht es mir auch. Doch bei den meisten standardisierten Therapeutinnen und Therapeuten sieht man auf der Website nur einen tabellarischen Lebenslauf über ihre universitären Abschlüsse. Bei manchen Coachs liest man einen kurzen Text, wie dieser unglaubliche Aufenthalt auf Bali ihr Leben verändert hat, sie erkannt haben, dass sie nun andere Menschen führen und reinigen müssten. Ich mache das auf meiner Website anders. Hier gibt es einen Einblick in meinen Lebenslauf und in mein Leben. Beides ist miteinander verbunden. Bei allen Menschen. Ich teile viele, auch sehr private Bilder, Bilder mit sämtlichen Haarfarben und Frisuren, die ich so im Laufe der letzten Jahre durchgemacht habe, um potentiellen Klientinnen und Klienten Sorgen zu nehmen, ihnen einen authentischen Einblick zu geben, wer ich bin, was mich ausmacht, was ich erlebt habe, wofür ich stehe, was für ein Mensch ich bin, was sie daher bei mir erwartet, welchen Menschen sie sich anvertrauen. Seriöse Geschäftsfrau kann ich, ich könnte daher auch tolle, professionelle Fotos in seriösen Outfits von mir präsentieren. Aber: Where is the fun in that? Alle Menschen können auf Bildern im richtigen Outfit mit der richtigen Pose wie der Vorzeige-CEO aussehen. Was Sie sehen wollen, ist, wer ich bin. Was unter dem Outfit und der Inszenierung steckt. Meine Klientinnen und Klienten haben ein Anrecht darauf, das zu erfahren, um so herauszufinden, ob sie sich bei mir sicher, in den richtigen Händen fühlen, um mir von ihrem Leben zu berichten. Meine Projektpartner und Projektpartnerinnen im Rahmen von Organisationsberatungen und Organisationsbegleitungen haben es verdient, das zu bekommen, was sie wollen und brauchen: Jemand anderes, nicht der zehnte Consultant, der die typischen Sprüche der großen Firma in den typischen Power Points präsentiert. Sondern jemanden, der sein eigenes Ding macht und dadurch zur Innovation bei der Organisation und deren Projekten beiträgt. Die Menschen, die beruflich mit mir bereits zusammen gearbeitet haben, wissen, dass ich seriös auftreten und agieren kann. Aber für besondere Menschen und besondere Projekte braucht es mehr als das. Genau deswegen ist diese Website "mehr als der Standard", genau deswegen präsentiere ich keinen tabellarischen Lebenslauf über meine beruflichen Erfolge, sondern erzähle, wie diese mit meinem Leben zusammen hängen, zeige Bilder, die man sonst eher mit seinen Freunden auf Instagram teilt. Also: Herzlich Willkommen in meinem Leben. Lies unten gerne, was alles so passiert ist. Ich verspreche: Es ist Einiges. Viel erlebt, viel erreicht, viel gearbeitet, viel durchgemacht, viel gespürt, viel verstanden. 

Meine Biografie

Mehr als nur ein Lebenslauf

Meine Geburt war durch ein Laken bestimmt. Ein Laken, das um den Bauch meiner Mutter gespannt war und mein Vater zusammen mit dem Arzt lange und hart ziehen musste, um mich herauszudrücken. Eine schwierige Geburt. Eine verregnete Nacht im Dezember 1993. Ich sollte eigentlich ein Christkind werden, doch ungeduldig wie ich schon immer war, wartete ich nicht bis zur Heiligen Nacht, sondern blickte bereits zehn Tage früher das Licht der Welt. Wenn auch mit ein paar Komplikationen verbunden. Das lag in der Familie: Bei der Geburt meines Vaters verfing sich die Nabelschnur um seinen Hals, mit blauer Haut und kaum Sauerstoff im Körper ist er fast gestorben, während er geboren wurde. Mein Zwilling ist neben mir im Bauch meiner Mutter gestorben. Meine großen Geschwister habe ich nie kennengelernt, weil diese ebenfalls durch Fehlgeburten verstorben sind. Ich war ein haarloses Baby, das noch Jahre später keine Haare bekommen sollte. Als großer Pippi Langstrumpf Fan und um meine haarlose Kopfpartie zu verbergen, trug ich in den ersten Jahren meines Lebens ein rotes Küchentuch um den Kopf, verband es mit zwei Haar-Gummis, so dass dieses Tuch in meiner kindlichen Fantasie wie die roten Zöpfe von Pippi Langstrumpf aussah. In Realität sah es lächerlich aus. Aber das ist okay. 

Ein Teil meiner Familie war in eine Sekte involviert, ein Teil meiner Familie war durch Alkoholismus, wenig Bildung und Gewalt geprägt, ein Teil meiner Familie war durch Krankheiten gekennzeichnet. Meine Oma sah Sachen, die andere nicht sahen, fühlte, was andere nicht verstehen konnten, drehte von der einen Sekunde auf die andere durch, stürmte aus dem Nichts auf einen zu, umgriff den Hals und drückte zu. Schweigen war Gold. Es wurde nicht gesprochen, über das, was war, doch das, was war, war spürbar für jemanden wie mich, der von Geburt an über enorme spirituelle Sensitivität, Intuition und Empathie verfügte; die Emotionen, Energien und Auren der anderen Menschen wahrnehmen konnte; das damals jedoch nicht wusste, nicht verstand. Ich verstand nichts, ich spürte nur Angst, ohne zu wissen, dass es Angst war, meine Angst und die Angst von den Menschen um mich herum. Ständig war da diese Angst, die Ungewissheit, das Gefühl, nicht sicher zu sein. Groß werden war daher ein Navigieren um die unaufgearbeiteten Traumata der Erwachsenen, ein Nicht-Verstehen, was vor sich ging, nur ein Spüren, dass es mit Schmerz, Gewalt, Leid und Angst verbunden ist und der Erkenntnis, dass auch ich zu Schweigen hatte. Ich lernte früh gefährliche Bullshit-Glaubenssätze: Ich darf keine Umstände machen, meine Bedürfnisse, Emotionen, Gedanken sind nicht wichtig, ich muss auf die anderen achten, machen, was die wollen, Verdrängen ist die einzige Strategie, ich habe als braves Kind zu funktionieren, ich muss so perfekt wie möglich sein, ich darf mich nicht anstellen, ich muss das runterschlucken, ich muss da jetzt durch, ich darf nichts wollen, ich habe zu gehorchen, auszuführen, zu funktionieren. So zu leben ging nur, indem ich mich von mir selbst abkapselte, meine Emotionen, Bedürfnisse und Grenzen ignorierte, nicht einmal mehr wahrnahm. Der Überlebensmodus war ständig aktiviert. Ich trug diese große Liebe in mir, doch sie fand keinen Gegenspieler, keinen Anker, keinen Ruhepol. Allein, unverstanden, ungesehen, ein Alien, der nirgends hingehört, ein Fabelwesen, das nicht in diese Welt passt – so fühlte ich mich damals.

Ich war im Kindergarten als mein Opa an Lungenkrebs starb. Ich verstand, dass Rauchen Lungenkrebs verursacht. Also bettelte ich meine Mutter an, dass sie aufhören sollte, zu rauchen, damit sie nicht durch aktives Rauchen und ich durch das passives Rauchen an Lungenkrebs sterben würde. Doch sie nahm mich nicht wahr. Damals sah mich niemand. Hörte mir niemand zu. Interessierte sich niemand. War ich allein mit meinen Emotionen und Ängsten, lernte ich nie, diese zu regulieren, überhaupt wahrzunehmen. Damals hatte niemand Zeit. Niemand das Wissen. Niemand die finanziellen und emotionalen Ressourcen. Also wurde ich aktiv und versteckte ihre Zigaretten. Ich sagte ihr nicht, wo ich die Zigaretten versteckt hatte, weil ich in meinem kindlichen Modus glaubte, sie, meinen Vater und mich so vor den Zigaretten bzw. dem Krebs und Tod retten zu können. Doch meine Mutter wurde deswegen sauer, sagte: „Du und dein Vater, ihr seid der größte Fehler meines Lebens, ich wünschte, ich hätte dich niemals bekommen, es wäre für alle besser, wenn du tot wärst. Du würdest allen einen Gefallen tun, wenn du dich umbringst. Verstehst du gar nicht, wie sehr alle von Dir genervt sind?! Was für eine Belastung Du bist? Warum musst du dich immer so anstellen?! Was stimmt denn mit dir nicht? Schau dich doch mal an, so toll wie du denkst, bist du nicht. Läufst hier rum und tust auf Pissnelke. Donnerlitsch noch mal, schau dich doch mal an. Wenn du so weiter machst, wird dich niemals jemand lieben. Du machst ja alle verrückt. Irgendwas stimmt doch in deinem Kopf nicht.“ So Worte sagte sie zu mir, wenn wir allein waren. Nach außen hin, vor den anderen Menschen, war ich „ihr Goldschatz, den sie so sehr liebte“. Für die Inszenierung der liebevollen Mutter vor den anderen Menschen hätte sie einen Oscar verdient, für die Realität mehrere Erziehungsratgeber. Es gab auch gute Tage, an denen sie gut zu mir war, wenn wir allein waren. Diese Differenz zwischen dem äußerlichen zur Schaustellen und der inneren Realität, zwischen den guten und den schlechten Tagen machte es für mich noch schwerer, die Situation überhaupt zu begreifen. Wenn ich sie darauf ansprach, wie sehr mich ihre Aussagen verletzt haben und ich mir wünsche, dass sie so etwas nicht mehr sagt, war ihre Reaktion Gaslighting: „Das habe ich doch nie gesagt, das bildest du dir ein, pass auf, dass du nicht genauso verrückt wirst wie deine Oma, also jetzt machst du ja Sachen, so etwas würde ich doch niemals zu dir sagen, du stellst dich auch immer so an und übertreibst, nie kann man es dir Recht machen, so etwas habe ich nie gesagt, denkst du überhaupt mal an mich, wie schlecht es mir geht, das interessiert dich ja nicht, es geht immer nur um dich, immer nur um die kleine verwöhnte Prinzessin, ja, dann denk doch, dass ich die Rabenmutter bin, du hast es ja so schlecht mit einer so bösen Mutter wie mir, weißt du, man kann manchmal auch Probleme her bei reden, du hast doch alles, andere machen wirklich schlimme Sachen durch, du tust immer so auf schlau, aber dafür bist du dann doch nicht schlau genug, um das zu sehen.“ Ich kannte damals als Kind noch nicht den Begriff „Gaslighting“ und das Konzept von Gaslighting, daher glaubte ich den Worten. Glaubte, ich würde mich anstellen, übertreiben, könnte die Realität nicht richtig einschätzen, vertraute meinen eigenen Emotionen und Erlebnissen nicht mehr. Spoiler vorab: Ganz schlecht, wenn Kinder damit aufwachsen, die eigenen Emotionen und Erlebnisse, sich selbst, nicht zu vertrauen, glauben, sie seien wertlos - das ist leider der perfekte Nährboden für späteres erneutes Gaslighting und Missbrauch durch andere Menschen. In den folgenden Jahren meiner Kindheit und Jugend wuchs ich mit Abwertung, emotionaler Vernachlässigung und Verachtung durch meine Mutter auf. Immer wieder. Aus dem Nichts. Abwertung war Alltag. Ein paar gute, aber vor allem schlechte Tage. Ich war der emotionale Stressball, an dem sie ihre Wut auslassen konnte. So bin ich in dem Gefühl groß geworden, wertlos zu sein, umso mehr kämpfte ich dafür, zu beweisen, dass ich eine Erlaubnis hatte, zu leben. 

Die ersten Selbstmordgedanken hatte ich als Kind mit 12 Jahren. Ich wollte sterben. Ich wollte, dass der Schmerz, aufhört, dass ich aufhöre, weil ich so wertlos bin. Ich wusste nicht, dass ich eine Depression hatte, dass es eine komplexe Posttraumatische Belastungsstörung war. Mir wurde gesagt, das sei normal, ich komme in die Pubertät, da gehe es allen schlecht, ich solle mich nicht so anstellen, nicht so sensibel sein, allen Menschen würde es schlecht gehen. Also glaubte ich, es sei normal. Alle Menschen würden so fühlen. Es sei normal, Selbstmordgedanken zu haben, zu planen, wie der Selbstmord am schmerzfreisten und effizientesten funktionieren wird, welche Maßnahmen ich dafür ergreifen muss, was ich besorgen muss, wie ich es durchführen muss. Alle Menschen würden erleichtert und glücklich von der eigenen Beerdigung träumen, hoffend, dass dort Menschen sagen würden, dass sie einen mochten. Es sei normal, sich als hässlich, widerlich, wertlos, ungenügend, eine totale Versagerin, ein Krüppel, ein Wesen, das für alle eine Belastung darstellt und daher besser tot sein sollte, wahrzunehmen. Ich dachte, es sei normal, sich selbst zu verletzen, sich und die Welt zu hassen. Ich dachte, alle Menschen würden sich mit Rasierklingen die Oberschenkel aufschneiden und kurze Erleichterung spüren, wenn das Blut fließt.

In der Pubertät arbeitete ich hart, bis zur Erschöpfung. Ich glaubte, mein einziger Ausweg sei der perfekte Bildungsabschluss. Perfekte Noten, um zu beweisen, dass ich eine Berechtigung hatte zu leben; dass ich doch gut genug war, es doch gut war, dass ich geboren wurde. Perfekte Noten, um so später einen guten Beruf und dadurch finanzielle Absicherung zu haben. In der Übergangsphase von der Kindheit zur Pubertät, als die Teddybären gegen die Bravozeitschriften ausgetauscht wurden, wurde mein Vater arbeitslos. Das Leben in der Arbeiterklasse war bis dahin bereits durch Sparsamkeit geprägt, doch durch die Arbeitslosigkeit haben sich die Geldsorgen in meine Seele gebrannt wie in heißes Hufeisen. 

Um meinen Vater zu entlasten, lebte ich so sparsam wie möglich. Als eine meiner zwei Hosen kaputt ging, erzählte ich es ihm nicht. In der Schule führte dies dazu, dass zwei Jungs das ausnutzten und sich über mich lustig machten, weil ich immer die gleiche Hose trug. Die Schule war ein Schlachtfeld. In der Mittelstufe waren die Lehrkräfte überfordert, wir waren eine überfüllte Klasse, die Lehrkräfte ließen ihren Frust an uns allen aus: „Wenn ihr so weitermacht, könnt ihr euch im Paddelteich ersaufen, aus euch wird so nie etwas“ hieß es von Lehrkräften. Ich sehnte mich so sehr nach Anerkennung, nach einer Berechtigung, nach jemanden, der mir sagte, dass es gut war, dass ich am Leben war. Doch auch in der Schule wurde ich mit Abwertung konfrontiert, obwohl ich auch dort versuchte, alles richtig zu machen, perfekt und brav zu sein. Ich wusste, dass ich dankbar sein musste, es überhaupt auf das Gymnasium geschafft zu haben. Meine damalige Grundschullehrerin sagte zu mir: „Gymnasium ist nichts für dich, du gehörst auf die Haupt-und Realschule, deine Mutter hat auch nur Hauptschulabschluss, da gehörst du hin.“ Ich wusste damals noch nicht, dass ich hochbegabt bin. Erst mit Mitte 20 erfuhr ich, dass mein IQ sehr hoch ist. Exorbitant hoch ausgeprägt. Auf einem sehr, sehr, sehr hohen Niveau. Sehr schlau zu sein ist ein Fluch und ein Segen. All das wusste ich als Kind noch nicht; ich wusste als Kind nur, dass ich gerne auf ein Internat, nach Hogwarts, gegangen wäre, eine Schule gehabt hätte, die fördert – ein paar Kämpfe mit Voldemort hätte ich dafür in Kauf genommen. In ein System gezwängt zu werden, keine Möglichkeit haben, zu entfliehen, Bullshit vermittelt zu bekommen, diesen Bullshit wieder auskotzen zu müssen, um so gute Noten und die Hoffnung auf ein besseres Leben zu haben, umgeben von einer Atmosphäre des Machtmissbrauchs, des Mobbings, der gewalttätigen Autorität, der Inkompetenz, des Gehorsams, der Unterdrückung, der Indoktrinierung zu sein – das war für mich belastend, unverständlich, ermüdend. Besonders schmerzhaft war meine Schulzeit für mich, weil Bildung und Lernen mich erfüllten. Ich liebte es, Neues zu lernen, mich weiterzuentwickeln, wichtiges Wissen aufzunehmen und hätte nichts lieber gehabt als ein Umfeld, das genau dies ermöglicht. Als Kind und Jugendliche hatte ich so viele Ideen, wollte hart und viel arbeiten, wollte viel lernen, hätte am liebsten ein eigenes Unternehmen gegründet, ich wollte etwas machen, etwas bewegen, ich wollte verstehen, die Welt verstehen, über die Welt lernen, begreifen, warum die Menschen so sind wie sie sind, was die Welt im Innersten zusammenhält, ich wollte einen positiven Beitrag leisten, etwas verändern. In der Schule ging es jedoch ums Überleben, darum möglichst gute Noten bei schlechten Rahmenbedingungen zu bekommen, sinnloses Bulimie-Lernen über unnütze Themen in einer Umgebung, die von Mobbing und Chancenungleichheit geprägt war. Also las ich in meiner Freizeit Goethe und Kant, Kierkegaard und Camus, Shakespeare und Freud. Mit 15 Jahren hatte ich alle Klassiker der Philosophie gelesen, ebenso die Klassiker der Weltliteratur. Intellektuellen und emotionalen Halt fand ich zudem in der Kunst: Musik, Filme, Serien - das rettete meine Seele. 

Zu dieser Zeit verließ meine beste Freundin die Schule. Wir waren seit der Grundschule unzertrennlich. Durch sie fühlte ich mich das erste Mal im Leben nicht mehr allein, fühlte mich gesehen und verstanden. Sie hielt es auf diesem Gymnasium nicht mehr aus, war stärker und mutiger als ich und suchte deswegen einen Ausweg auf einer anderen Schule. Es war ein Jahr der Abschiede. Dolly, mein Hund, der wie eine Schwester für mich war, starb zu dieser Zeit an Krebs. Mein anderer Opa starb an Krebs. Ich war mit seinem Sohn, meinem Halbonkel, der jünger als ich war, zusammen in einer Schulklasse. Eine schräge Konstellation, die wir unser Leben lang mit uns trugen. Jahre bevor ich geboren wurde, lernte mein Opa eine neue jüngere Frau kennen, ließ sich von meiner Oma scheiden, verließ die Sekte, mein Vater und meine Tante blieben zurück. Ein paar Monate nachdem ich geboren wurde, wurde mein Onkel geboren. Mein Opa wurde erneut Vater mit der neuen jüngeren Frau und bekam so meinen Onkel, der demgemäß jünger als ich ist. Wir sahen uns auf Familienfeiern. Mit dem Kuchen kam die Anspannung. Für alle. Meine Oma war weiterhin Teil von allem, da sie im gleichen Haus wie mein Opa, seine neue Frau und ihrem Sohn/meinen Onkel lebte, allein in ihrer Messie-Wohnung, mit wirren Gedanken. Ich versuchte es allen recht zu machen, ohne zu wissen, auf welchen Minenfeldern ich mich überhaupt bewegte. Immer nett sein. Zu allen. Immer lächeln. Immer die eigenen Bedürfnisse ignorieren, damit es den anderen gut geht. Immer die Emotionen der anderen scannen, um rechtzeitig intervenieren zu können. Die finanziellen Ängste hatten zudem zu diesem Zeitpunkt meine Seele komplett durchbohrt, ohne dass ich es verstand. Ich lebte in ständiger Angst, Anspannung, dem Gefühl, wertlos und niemals gut genug zu sein. 

Doch dann kam die Oberstufe und es wurde besser. Ich war bis dahin strikt gegen Alkohol und Feiern, weil ich diesbezüglich in meiner Familie verstörende Erlebnisse mit ansehen musste. Doch ich wollte nicht mehr im Schatten meiner Familie leben. Ich ging aus, feierte das Leben, trank Apfelwein und Tequila in klebrigen Dorfkneipen. Ich hatte Spaß. Meine neue Schulklasse war mit vielen schlauen Schülerinnen und Schülern und gewaltfreien Lehrkräften versehen. Ich fand viele wundervolle neue Freundschaften. Das erste Mal in meinem Leben spürte ich Freude, Spaß, Ausgelassenheit. Ich wusste, dass die 11. Klasse nicht fürs Abitur zählte, die Noten in diesem Jahr nicht so entscheidend waren. Ich erhielt zudem das erste Mal in meinem Leben Anerkennung, wertschätzende Worte durch Lehrkräfte, eine Bestätigung, dass ich nicht komplett falsch und wertlos war. Es gab sogar guten Unterricht durch ein paar wenige gute Lehrkräfte, denen ich dafür immer dankbar sein werde. Diese Lehrerinnen und Lehrer haben mir mit ihrem kompetenten und spannenden Unterricht sowie ihrer menschlichen Art mehr geholfen, als sie es erahnen können. Das war ein wichtiges, positives Erlebnis für mich und für mein späteres Leben, auf das ich mit Dankbarkeit und Rührung zurückblicke. Ich genoss den Moment, konzentrierte mich aber auch auf mein Ziel: Weg von dieser Schule, weg aus diesem Dorf, die Welt bereisen, Wissen generieren, um so später anderen Menschen helfen zu können. Dieses Ziel war endlich in griffweite. Nur noch zwei Jahre, dann konnte ich weg.

Je näher das Abitur rückte, desto mehr spürte ich den Druck, bestmöglich performen zu müssen, glaubte ich, nur ein perfektes Abitur würde mir die Möglichkeit auf ein gutes Leben, auf das Gefühl, wertvoll zu sein, generieren. Ich stand kurz vorm Burnout. Ich arbeitete 18 Stunden jeden Tag, um so perfekt wie möglich zu sein. So erreichte ich ein Einser-Abitur, eines der besten Zeugnisse der Schule, gewann viele Preise und Auszeichnungen für meine Leistungen innerhalb und außerhalb der Schule. Ich belegte außerschulische Fortbildungen, um mich von der Masse abzusetzen, engagierte mich ehrenamtlich, um anderen zu helfen, lernte ein neues Narrativ, und eignete mir einen Habitus an, der sich von meiner Herkunft der Arbeiterklasse absetzte. Ich wurde während der Schulzeit vom Deutschen Bundestag für meine herausragenden Leistungen zu einer internationalen Jugendbegegnung eingeladen, wurde von der amerikanischen Botschaft für einen Artikel ausgezeichnet, nahm an zahlreichen pädagogischen Fortbildungen teil, um die Jugendleiterkarte zu absolvieren, wurde vom Land Hessen für einen Aufsatz als beste Schülerin des Landes ausgezeichnet, wurde als herausragende Schülerin zu dem Seminar „Politik & Internationale Sicherheit“ gesendet, war Mitglied bei dem Deutsch-Russischen Jugendforum, absolvierte ein Praktikum im juristischen Bereich und bei einem Fernsehsender. 

Ich hatte bereits meine Konfirmation selbst bezahlt, ebenso meinen Führerschein, erhielt nie Taschengeld, es war daher selbstverständlich, dass ich auch mein Studium und alle damit einhergehende Kosten wie Miete eigenverantwortlich finanzieren musste und auch wollte. Daher arbeitete ich nach der Schule zuerst für einige Zeit in einem Supermarkt und ging dann für ein paar Monate nach Neuseeland, um dort Work and Travel zu betreiben und auch um meinen Traum vom Reisen endlich Wirklichkeit werden zu lassen. Noch nie hatte ich mich so gut gefühlt wie in Neuseeland: Jeden Tag draußen in der Natur unterwegs sein. Das hatte mich erfüllt. Doch ich glaubte, den gesellschaftlichen Vorgaben folgen zu müssen, also kehrte ich zurück nach Deutschland und begann mein Studium.  

So begann ich mein Bachelorstudium in den Fächern Politikwissenschaft und Kulturanthropologie an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, eine der angesehensten und profiliertesten Universitäten Deutschlands in diesen Bereichen. Worte wie „Immatrikulation“ und „Kommilitone“ waren mir fremd, meine Familie aus der Arbeiterklasse war so weit von der Universität entfernt wie Eisbären davon Kängurus zu treffen. Ich erhielt ein Stipendium. Das war eine enorme Unterstützung, aber ebenso die Verpflichtung, weiterhin Bestnoten zu schreiben, mich weiterhin ehrenamtlich zu engagieren und bei der Stiftung aktiv zu sein. Es war ein Begabtenstipendium, für herausragende Persönlichkeiten mit überdurchschnittlichen Leistungen. Diesem Anspruch musste ich gerecht bleiben, um das Stipendium zu behalten. Neben dem Stipendium und dem Studium arbeitete ich im Bereich der internationalen Beziehungen. So konnte ich meiner Leidenschaft für den internationalen Austausch, für Diplomatie, für Reisen nachkommen. Mein Traum war es seit Kindheitstagen, die Welt zu bereisen, von Menschen, der Natur, den Kulturen und Tieren vor Ort zu lernen, Geschichten zu finden, über diese Geschichten zu schreiben und mein erlerntes Wissen zu nutzen, um damit anderen Menschen zu helfen. Zusätzlich zu dem Beruf, dem Stipendium, dem Ehrenamt, dem Studium verfolgte ich meine Leidenschaft als Schriftstellerin. So erhielt ich in dieser Zeit zahlreiche Preise und Auszeichnungen für meine Werke, ich wurde unter anderem viermal zur Jugendliteraturpreisträgerin ausgezeichnet. 

Ich wohnte mittlerweile mit meinem Freund zusammen in einer Wohnung. Der Anfang der Beziehung war das Paradies. Es folgte die Hölle, ohne dass ich es damals so richtig begriff. Es war wie Treibsand, der dich langsam einsaugt, bis nichts mehr von dir übrig ist. Durch die Abwertung meiner Mutter war ich es gewohnt, schlecht behandelt zu werden, hatte ich kein Selbstwertgefühl. Zu Beginn der Beziehung war er der perfekte Partner, Prince Charming. Es wurde anders - langsam, schrittweise, wenn wir allein waren. Es begann mit Abwertung, mit Beleidigungen, mit Äußerungen, die „doch nur als Witz“ gemeint waren. Er kannte meine wunden Punkte und nutzte sie. Es folgten Wutausbrüche aus dem Nichts, nicht mehr wie früher gegen Tetrapacks, sondern nun auch gegen mich, die Isolierung meiner Freundschaften, indem diese Menschen als schlecht deklariert wurden, Teller und Messer, die geschmissen wurden, Gaslighting und Schweigen als Bestrafung, gegen die Wand gedrückt werden, das Niederreden meiner Leistungen, das Fertigmachen meiner Persönlichkeit, das Anzweifeln all meiner Entscheidungen, Interessen und Wünsche. Ich wusste damals noch nicht, was psychische Gewalt ist, dass es das überhaupt gibt, was Narzissten sind, wie sie vorgehen, welche Folgen sie verursachen. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich eigentlich kaum noch etwas, spürte kaum noch etwas - so sehr hatte er mich manipuliert, unterdrückt, psychisch an die Belastungsgrenze gebracht, mein Inneres durch Worte zerbrechen lassen. Er tat immer mehr. Ich wurde immer weniger. Ich hatte Angst. Angst, versagt zu haben, glaubte ihm, ich sei eine schlechte Freundin, es würde an mir liegen, eine Trennung würde meine Mutter gegen mich benutzen, mir sagen, dass diese Trennung der Beweis sei, dass ich alles falsch mache und mit mir etwas nicht stimme; alle Menschen würden ihm glauben, glauben, dass ich verrückt sei, die Menschen würden mit ihm Mitleid haben darüber, dass er es überhaupt so lange mit mir ausgehalten habe; ich würde allein dastehen. Nach außen hin beherrschte er die perfekte Inszenierungstechnik: Er wirkte wie der tolle, souveräne Freund; niemand würde vermuten, dass er auch nur ein schlechtes Wort oder eine schlechte Tat gegen mich durchführen würde; doch nicht er, der charmante Schwiegersohn. Ich hatte Angst, wie ich eine Trennung finanziell schaffen sollte, ich arbeitete, hatte ein Stipendium, aber die Mieten in dieser Region waren hoch, ich musste immer befürchten, dass ich mein Stipendium oder Job verlieren könnte, musste daher auf Reserven sparen, ein Umzug, eine neue Unterkunft wären sehr teuer. Ich hatte Angst, dass er bei einer Trennung noch wütender werden würde, es noch mehr eskalieren würde, er komplett ausrasten würde. Ich blieb. Der größte Fehler. Es wurde mehr, schlimmer, alltäglicher. Eines Tages wurde mein „Nein“ nicht mehr gehört, wurden meine Beine auseinandergedrückt, hatte ich nicht genug Kraft, dachte ich an meine Notizen für das BRD-Seminar, um so wenig wie möglich wahrzunehmen. Ich trennte mich. Via Handy. Gab mir die Schuld, sagte, wir könnten vielleicht eine Pause probieren. Ich verstand nichts. Verstand nicht, was passiert war. Mein Körper verstand es. Doch meine Seele war noch nicht bereit. Mein Unterbewusstsein machte mir jedoch deutlich, dass dies nie wieder passieren dürfte, ich mich trennen musste. Glücklicherweise bekam ich genau zu diesem Zeitpunkt die Möglichkeit, bei einer Kommilitonin zur Zwischenmiete zu leben. Ein sehr preiswertes Zimmer im Studentenwohnheim war in meinem Budget. Meine Freunde, die ich viel zu lange vernachlässigt hatte, erklärten sich bereit, meinen Umzug kostenlos zu organisieren, ohne dass sie überhaupt wussten, was passiert war. Dies wusste, verstand ich in diesem Moment selbst noch nicht. Als ich einige Wochen nach der Trennung ein Glas aus Versehen umgeschüttet hatte, wurde ich panisch, entschuldigte mich milliardenfach, machte mich selbst nieder, zitterte, fing an zu weinen - schaute mein Gegenüber mich an und fragte, was los sei, es sei doch nur ein verschüttetes Glas. Ich war verwirrt: Warum kein Schreien? Wo blieben die Beleidigungen? Warum musste ich nicht zusammenzucken? Ich erwartete, dass ich fertig gemacht werden würde, doch es passierte nicht, es war einfach nur ein verschüttetes Glas. Ganz langsam begriff ich welche Gehirnwäsche ich durch meinen damaligen Freund erfahren hatte. 

 

Ich begann eine Therapie. Ich recherchierte wissenschaftliche Artikel, schaute Filme, las Bücher und sah plötzlich meine eigene Geschichte, verstand, dass das keine normale Beziehung war. Ich entwickelte eine große Angst, dass mir dies wieder geschehen könnte. Ich wollte nie wieder von einem Mann Gewalt erfahren. Schmerzen, Angst, Leid, Entsetzen, es war eine extrem harte Zeit für mich. Doch mein Therapeut beruhigte mich, sagte, ich dürfte mich nicht vor der Welt verstecken, das sei eine Ausnahme gewesen, ich dürfte nicht alle Männer verurteilen, nicht in Angst leben, müsste mich wieder öffnen und Vertrauen. Das tat ich. Ich arbeitete die Beziehung auf. Fand einen neuen Freund. Nach einiger Zeit vertraute ich ihm, öffnete ich mich, erklärte ihm, dass ich Gewalt in meiner letzten Beziehung erlebt hatte, sexualisierte Gewalt geschehen ist, ich mich deswegen schlussendlich getrennt habe, ich deswegen in Therapie bin, es aufarbeite, aber es mich immer noch extrem belastet und wohl immer belasten wird, es extrem schwer für mich ist. Ich hatte Angst, dass er nichts mehr mit mir zu tun haben wollte, denken würde, ich sei deswegen dreckig oder zu anstrengend. Doch er reagierte wundervoll, unterstütze mich, war verständnisvoll. Das Gespräch fand am Handy statt, weil ich es nicht persönlich sagen konnte. Ich weinte vor Glück, meine Tränen fielen auf das Handy-Display, noch nie hatte ich so viel Erleichterung, Hoffnung gespürt wie in diesem Moment. Ja, bis dahin ist viel Mist in meinem Leben passiert, begleiteten mich Selbstmordgedanken seit langer Zeit, doch es gab nun für mich Hoffnung, es wird besser für mich. Bald ist das Bachelorstudium geschafft, ich habe nun einen tollen, verständnisvollen Freund, ich gehe bald für ein paar Wochen nach Mauritius, kann so endlich meinen Traum vom Reisen leben. Das Leben wird gut. Endlich. Auch für mich. Voller Euphorie schwebte ich zu unserem ersten Treffen nach diesem Telefonat. Ja, es war richtig, wieder einem Mann zu vertrauen, mich zu öffnen, das Glück ist auch für mich da, verdammt, ich habe es geschafft, die schwere Zeit ist durchgestanden und nun beginnt das schöne Lebe. Ich war so glücklich wie noch nie im Leben, ich spürte so viel Hoffnung und Dankbarkeit wie noch nie im Leben, als ich ihn küsste. Dann verwandelte sich der Kuss. Von einer Sekunde auf die andere. Alles verwandelte sich. Hoffnung wurde zu Zerstörung. Als es vorbei war, konnte ich es nicht begreifen. Ich saß ohne Klamotten zitternd auf dem Sofa, starrte die Wand an, konnte mich nicht bewegen. Ich ging irgendwann auf die Toilette und sah das Blut am Toiletten-Papier. Er sagte nur, dass es ihm leid tue, er auch nicht genau wüsste, was passiert sei, er sich einfach nicht bremsen konnte, je mehr ich mich wehrte, desto erregter wurde er, er konnte einfach nicht aufhören, er hätte halt immer so Gewalt-Pornos geschaut und als ich ihm erzählt hatte, was mir passiert sei, da war das wohl so, als sei ein Schalter in seinem Kopf umgelegt worden, dass sein Unterbewusstsein so wohl glaubte, er könnte das mit mir machen, er wollte das auch nicht, aber als er dann dabei war, konnte er einfach nicht stoppen, er stand total neben sich, das sei echt schwer für ihn. Er hatte mein Gesicht so sehr gegen das Kissen gedrückt, dass ich keine Luft bekam, fast erstickt bin. 

Warum nur? Warum nur? Warum? Warum ist das passiert? Warum ist mir das passiert? Ich wollte es verstehen, wollte einen Sinn darin sehen, aber ich konnte es nicht. Ich fand keine Antwort auf die Frage, warum mir das auch noch passieren musste. Das war zu ironisch, zu hart, zu krank. Ich wusste, ich brauchte Unterstützung. Also öffnete ich mich, kämpfte, recherchierte nach Strafanzeigen, Gerichtsprozessen, suchte emotionale Unterstützung bei Teilen meines Umfelds. Aber das machte alles nur schlimmer. Ich erkannte, dass du als Frau im deutschen Rechtssystem unbedeutend bist. Die männlichen Täter werden geschützt, werden nicht bestraft oder wenn überhaupt, dann nur bei einer Beweislage, die fast unmöglich ist aufzubringen und dann auch nur mit vergleichsweise lächerlichen "Strafen". Du kannst das Leben eines anderen Menschen für immer zerstören und die Konsequenzen für dich sind entweder nicht existent oder paar Monate Gefängnis und dann am besten noch so schnell wie möglich zur Bewährung. Eine Anzeige gegenüber diesen Mann sowie den davorigen würde nur dazu führen, dass ich mich in Gefahr begebe. Ich würde noch mehr verlieren. Ich verstand daher: Ich werde nie eine Anzeige erstatten. Diesen Weg der "Gerechtigkeit" werde ich nie bestreiten können. Das war eine beschissene Erkenntnis. Zu sehen, wie abgefuckt unser Rechtssystem ist, war erschütternd. Jahre später würde ich noch viel mehr verstehen, sehen, wie abgefuckt die ganze Welt ist, wer wie wirklich die Fäden in den Händen hält, was für eine kranke Scheiße vor sich geht. Aber zu dem damaligen Zeitpunkt war die Erkenntnis über dieses gewollt dysfunktionale Rechtssystem zerstörend genug. Hinzu kam die sekundäre Viktimisierung von Teilen meines Umfelds. Die damaligen Reaktionen von Menschen, denen ich mich anvertraute, waren einfach nur grauenhaft: "Bist du dir sicher, dass das passiert ist? - Vielleicht hat er es auch gar nicht so gemeint, bei jedem Erlebnis gibts ja immer zwei Sichtweisen. - Das hat er sicherlich nicht gewollt. - Also das ist doch so ein Lieber, das kann ich mir bei ihm wirklich nicht vorstellen, das hast du sicherlich falsch verstanden. Ich möchte da auch einfach keinen Streit mit ihm, wir sind befreundet, die Freundschaft zu ihm will ich jetzt durch so etwas nicht beschädigen. - Hast du schon mal daran gedacht, dass du ihn auch provoziert haben könntest? Ihr Frauen macht immer so auf harmlos, aber das seid ihr nicht. - Also das glaube ich wirklich nicht, das musst du missverstanden haben. - Du bist halt auch ein sehr sensibler Mensch, du neigst halt auch dazu, zu übertreiben. - Machst du das nicht vielleicht auch, um Aufmerksamkeit zu bekommen? Also ich will nicht sagen, dass du dir alles ausdenkst, aber du bekommst so natürlich viel Mitleid, das muss sich schon schön anfühlen. Du nutzt das schon gut für dich. - Jetzt komm mal wieder runter und bleibe auf dem Boden, ja, vielleicht wars nicht ganz angenehm, vielleicht sind paar Sachen zwischen euch vorgefallen, aber so schlimm wie du es jetzt darstellst, war das nicht. Ganz sicher nicht. Atme mal durch, beruhig dich und dann wirst du schon wieder klarer sehen. - Denkst du auch mal daran, was du dem Mann damit antust? Wenn das rauskommt, ist sein ganzer Ruf kaputt." Die meisten Menschen ahnten nicht einmal, wie viel Schmerz sie mit solchen Aussagen verursachten. Sie hatten keine böse Absicht. Aber den Schmerz, den sie damit bewirken, ist kaum auszuhalten. Auch hier gilt: Hast du es nicht selbst erlebt, kannst du es nicht wirklich nachvollziehen. Diese Aussagen waren furchtbar, zerstörend, widerlich, grauenhaft. Ich würde viel lieber über schwimmende Schweine und Sonnenschein in Asien reden, als über die Schweine, die es wirklich auf der Welt gibt. Am meisten bin ich von allem genervt und wünsche mir, das wäre nie passiert. Aber das ist es. Das angezweifelt zu bekommen, die Schuld noch zugesprochen zu bekommen, das war so krank, so schmerzhaft, das war zu viel. 

Ich zerbrach. Ich wollte einfach nur sterben, wollte einfach nur, dass es vorbei ist. Mein Körper konnte nicht mehr. Ich bekam eine Blasenentzündung. Aber meine Ärztin verschrieb mir das falsche Medikament, ein Medikament, das bei Blasenentzündung nicht eingesetzt werden darf. Es folgten daher Infektionen im Unterleib. Ich glaubte, jemand würde Säure in mich spritzen. Noch nie hatte ich so schlimme körperliche Schmerzen gespürt. Es wurde von Monat zu Monat schlimmer. Die Ärztinnen und Ärzte machten alles noch schlimmer. Keine Zeit, keine Kompetenz, keine richtige Untersuchung, Abwertung. Mit jedem Arztbesuch wurde ich verzweifelter, hatte mehr Angst vor Ärzten, Arztpraxen und Krankenhäusern. Ich bekam einen Medikamenten-Cocktail verschrieben mit 12 verschiedenen Medikamenten jeden Tag, meine Leberwerte, meine Entzündungswerte waren suboptimal, um es nett auszudrücken. Kein Arzt interessierte sich dafür, kümmerte sich darum, verschieb einfach auch nur ein weiteres Antibiotikum und fragte, ob ich auch regelmäßig duschen würde. Jedes weitere Antibiotikum zerstörte meinen gesamten Körper noch mehr. Ich war hoffnungslos. Ich war nur noch Schmerz. Monat nach Monat. Ich verlor jegliches Vertrauen zu Ärzten, Krankenhäusern, Arztpraxen, spürte Panik, wenn ich nur an einen Arztbesuch dachte. Mein Praktikum auf Mauritius musste ich aufgeben. Das, was mich die letzten Jahre getragen hatte, meine Belohnung für alle die harte Arbeit, mein Kindheitstraum des Reisens musste ich aufgeben, weil ich mit starken Schmerzen kaum das Bett verlassen konnte. Ich arbeitete vom Bett aus, schrieb meine Bachelorarbeit im Bett, denn ich lernte früh, dass ich immer funktionierten müsse, egal, wie schlecht es mir gehe. Doch ich konnte nicht mehr. Ich trank den Vodka und hatte die Schmerzmittel bereit. Ich rechnete vorher aus, wie viele ich benötige, damit es ausreichend ist - final wird. Als ich die Verpackung der Schmerzmittel öffnete, rief eine Freundin an. Aus dem Nichts. Einfach so. Sie sagte mir, wie sehr sie mich möge und wie dankbar sie sei, dass es mich gäbe. Ich hatte mein Handy immer auf stumm, hätte ihren Anruf daher eigentlich nicht gehört. Aber zu diesem Moment war das Handy nicht auf stumm geschaltet. Ich weiß nicht warum. Ich wusste nur, ich konnte vor diesem Zeichen des Universums nicht die Augen verschließen. Ich musste nun weiter machen. Beschissen, furchtbar, scheiße fühlend, mir ging es so verdammt dreckig. Aber dieser Moment fühlte sich so stark, zu mächtig an, als dass ich dieses Zeichen vom Universum hätte übersehen können. 

Mein Vater beobachtete, wie stark ich unter den Schmerzen litt und bei den Ärzten keine Hilfe fand. Also recherchierte auch er und fand einen Experten auf diesem Gebiet in einem Krankenhaus nahe der französischen Grenze. Dieser Arzt untersuchte mich endlich anständig, hatte Fachkompetenz, nahm sich Zeit, evaluierte meine Medikamente, stellte meinen Medikamenten-Plan komplett um, setzte Antibiotika und Kortisol ab, gab mir zwei entzündungshemmende Medikamente, gefolgt von pflanzlichen Medikamenten, um meinen Körper wieder aufzubauen. Es funktionierte. Endlich. Nach Monaten. Nach so vielen Monaten der Schmerzen, des Ausgeliefert seins, der negativen Erlebnisse mit Ärzten, des nicht ernst genommen Werdens, der schlussendlichen Hoffnungslosigkeit. Endlich ein Arzt, der Ahnung hatte und seinen Job ernst nahm, mich ernst nahm. Endlich eine Behandlung, die mich heilen konnte. Dank dieses Arztes und dank meines Vaters, der mich zu diesem Arzt brachte. 

Mein Vater wurde ein Jahr nach der Gründung der Rolling Stones, im Jahr 1963, geboren. Er ist wie Balu, der Bär aus dem Dschungelbuch: Ein gutes Herz. Aber nach außen wirkt er manchmal wie ein Grizzly. Für ihn sind Kinder Erwachsene in Klein. Seine Resilienz ist auf einem Niveau, das jegliche durchschnittliche menschliche Fähigkeiten überschreitet. Als ich ein Kind war, konnte er daher Vieles nicht sehen, viele meiner emotionalen Bedürfnisse nicht wahrnehmen und darauf reagieren. Früh lernte ich, hart zu arbeiten, mich hart zu geben. Disziplin. Ehrgeizig. Demut. Das waren die Werte, die mein Vater mir beibrachte, mit denen ich groß wurde. Der Zweite ist der erste Verlierer, sagte er immer. Ich tat alles, um ihn stolz zu machen. Aber er war nie stolz auf mich. Als ich älter wurde, studierte, verstand ich, dass wir uns in Vielem sehr ähnlich waren und doch in Manchem elementar unterschieden: Meine Art Liebe zu spüren und zu zeigen, ist ein riesiges Feuerwerk, ich umhülle die Menschen mit meiner Liebe und Wärme; ich schmeiße meine Liebe auf sie drauf, baaaam, ganz viel Liebe und wertschätzende Worte. Ich nehme meinen Freundinnen und Freunde, meiner Wahlfamilie, 20-minütige Sprachnachrichten auf, in denen ich anfange zu weinen, während ich ihnen sage, wie sehr ich sie liebe und dankbar für sie bin; erzähle ihnen, wie stolz ich auf sie bin, wie sehr sie mich beeindrucken. Mein Vater ist der Meinung, dass keine Kritik Lob genug ist. Ich war daher Mitte zwanzig, als ich begriff, dass nicht nur ich meinen Vater liebe, sondern auch mein Vater mich liebt, sogar stolz auf mich ist – er einfach nur nicht in der Lage ist, das zu zeigen bzw. so zu zeigen, wie es tue. Anderen Menschen gegenüber erzählte er stolz von mir; das erfuhr ich jedoch auch erst mit Mitte zwanzig. Mir gegenüber konnte er allerdings kein lobendes, wertschätzendes Wort sagen. Er zeigte mir seine Liebe und seinen Stolz auf andere Weisen. Das erkannte ich erst, als ich erwachsen war. Er tat alles, was er konnte, um mir zu helfen, um für mich da zu sein, manchmal wusste er einfach nur nicht wie. Je älter ich wurde, desto enger wurde unser Kontakt. Mittlerweile habe ich das große Geschenk, dass mein Vater auch mein bester Freund und der wichtigste Mensch in meinem Leben ist.

Ich schloss mein Bachelorstudium überdurchschnittlich ab, erhielt auf meine Bachelorarbeit die bestmögliche Note. Für mein Masterstudium der Soziologie an der Justus-Liebig-Universität in Gießen wurde mir erneut ein Stipendium verliehen. Nachdem ich mich in Mainz auf höchstem Niveau im Bereich Politikwissenschaft quantitativ habe ausbilden lassen sowie durch das zusätzliche dortige Studium der Kulturanthropologie qualitativ ausgebildet wurde, wollte ich durch das Studium der Soziologie in Gießen meine qualitativen Fähigkeiten auf das bestmögliche Niveau erweitern und durch die Fachauswahl der Soziologie die Möglichkeit erhalten, mit einem noch dezidierteren fachlichen Blick menschliches Verhalten analysieren zu können. Psychologisches wissenschaftliches Wissen hatte ich zu diesem Zeitpunkt bereits mannigfaltig erlernt, unter anderem durch online Fortbildungen an der Harvard University und Yale University. Zudem war es mir wichtig, mir fundiertes psychologisches Wissen anzueignen, das kritisch auch die westliche Perspektive der Psychologie betrachtet und dadurch einen noch umfangreicheren Blick ermöglicht.

Zusätzlich zu dem Studium und dem Stipendium arbeitete ich nun in dem Bereich „Sozialisierung und Bildung“. Mit dem besten Team und besten Chef ever konnten wir gemeinsam wundervolle Projekte umsetzen, unter anderem das Erstellen von Anträgen für verschiedene drittmittelfinanzierte Projekte, die Entwicklung des Curriculums: „Ethnografie zum Mitnehmen“ für eine achtsame Organisationskultur im Sinne einer humanistischen (medizinischen) Ausbildung, die Entwicklung eines Achtsamkeitsportfolios für Krankenhausmitarbeitende, die Datenerhebung, Erstellung und Evaluation eines Referenzrahmens zur Interkulturalität, ein Modellprojekt zur Gewaltfreien Erziehung in Familien und dem Wohlbefinden am Arbeitsplatz, die Ausarbeitung einer Augmented Education (AE): interdisziplinäre Forschung für Organisationen mit Bildungsprozessen, der Aufbau eines interkulturellen digitalen Netzwerks für die unternehmerische Mittelschicht. Ich agierte bald in der Rolle der Projektmanagerin und Beraterin. 

In dieser Zeit erfüllte ich mir endlich auch meinen Traum vom Reisen und Arbeiten im Ausland. So war ich beispielsweise als Beraterin für ein gemeinnützliches Projekt in Indien tätig, als Schriftstellerin in Israel und England, als Forscherin auf Kuba, als Supervision für eine Jugendfreizeit in Frankreich, Slowenien und Kroatien, als DAAD-Stipendiatin in Sibirien, als Delegierte in Japan.

Mein Masterstudium der Soziologie schloss ich als Jahrgangsbeste mit Bestnote und Auszeichnung ab. Mit einer Gesamtnote von 0,8 erreichte ich einen so überdurchschnittlich guten Abschluss, wie er nur selten jemals an einer deutschen Universität erreicht wird. Zusätzlich zu dem Studium hatte ich weitere Fortbildungen belegt, unter anderem in den Bereichen Sportmanagement, Projektmanagement, Wissenskommunikation, Gesundheit und Well-Being, internationaler Austausch / Diplomatie, Social Media, transformative Wissenschaft, Service Learning, Leadership, Design Thinking, Konfliktmanagement, Fundraising, PR und Öffentlichkeitsarbeit. Außerdem erhielt ich zahlreiche Auszeichnungen, beispielsweise für das praktische Projekt meiner Masterarbeit.

Ich hatte mit den überdurchschnittlichen Studienabschlüssen, den nationalen und internationalen Arbeitserfahrungen, den Fortbildungen und Auszeichnungen anderen Menschen und mir selbst bewiesen, dass ich es draufhabe. Es war daher an der Zeit, das zu machen, was mein Herz erfüllt, wovon ich mein Leben lang geträumt hatte: Eine Weltreise. Die Belohnung für all die harte Arbeit, für das Durchstehen der schlechten Erlebnisse. Die Weltreise wollte ich mit dem Schreiben einer Doktorarbeit verbinden, um so das relevante Wissen, das es auf der Welt gibt, für etwas Nützliches und Sinnvolles festhalten zu können. Mein Plan war es daher, ein Stipendium auch für die Doktorarbeit zu erhalten, meinen damaligen Beruf remote auszuführen, meine Wohnung zu kündigen, kein Auto zu haben, um so von keinen Kosten und Verpflichtungen in Deutschland abhängig zu sein. Der Plan war durchdacht, meine Vorfreude überwältigend. Doch dann kam die Corona-Pandemie und machte alle Pläne zu Nichte. Mein Job wurde remote, ich erhielt das Stipendium, aber eine Weltreise war nicht mehr möglich. Zuhause festsitzen. Doktorarbeit unter erschwerten Bedingungen verfassen. Trigger-Wirkungen durch die Pandemie: Meine Angst vor Ärzten und Krankenhäusern, die ich im Rahmen der Unterleibsinfektion und damit einhergehenden katastrophalen medizinischen Behandlungen entwickelt hatte, brach wieder aus. Ausgeliefert sein, keine Kontrolle haben, eventuell körperliche Schmerzen erleben – das Schlimmste für mich. Dazu die Angst um die Menschen, die mir wichtig waren und die zu den Risikogruppen gehörten. Das Gefühl, dass Vieles nicht stimmt, was vor sich geht. Das Beobachten von zunehmender Gewalt in der Gesellschaft, die Spaltung der Gesellschaft, das Anwachsen von Hass und Anfeindungen, eine zunehmende Normalisierung von Verachtung, Verarschung und Gewalt. Coping-Mechanismen für meine meine Depression, die nicht mehr funktionierten, weil sie nicht mehr erlaubt waren. Das Beobachten einer internationalen Elite, die agiert, wie sie will, die alles beherrscht und alles tun kann. Gesetze und Vorgaben, die sich stellenweise lächerlich anfühlten. Menschen, die andere Menschen wahllos in Gefahr brachten. Keine Rücksicht, keine Empathie, keine fundierte Reflektion, keine Aufklärung, keine Aufarbeitung, keine Wahrheit. Es zählte nur noch, wer am lautesten schrie, wer die meiste Macht hatte.

 

Als sich die Situation um die Corona-Pandemie verbesserte, konnte ich endlich reisen. Medien zeigen, wie schlimm die Welt ist, das Reisen zeigte mir die Schönheit der Welt, der Menschen, der Natur. Ein deutscher Pass bringt viele Privilegien, das erfuhr ich durch das Reisen und dafür werde ich immer dankbar sein. Ich verstand durch das Reisen aber auch, dass die westliche Arroganz und Ignoranz nicht nur peinlich ist, sondern dadurch auch elementares Wissen verloren wird. Gerade in Ländern außerhalb der westlichen Welt lernte ich enorm wichtige Erkenntnisse für das Leben, für die Gesundheit, für die Spiritualität, für die Diplomatie, für das Zusammenleben, für den Verstand. Jedes Land, das ich bereiste habe, ist auch Teil meiner Seele geworden und ich spüre eine tiefe Verbundenheit zu dem jeweiligen Land, den Menschen, der Natur und Kultur. 

Im Laufe meines Lebens habe ich viele Länder bereist und wertschätze jede einzelne Erfahrung. Ich liebe das Reisen, es ist Teil meiner DNA, meiner Identität, das, was mich ausmacht, das, was mich erfüllt, das, was mir so viel Glück und Wissen schenkt. Jede Reise hat mich ein Stückweit mehr gerettet, ein Stückweit mehr zu mir gebracht, ein Stückweit mehr die Welt verstehen lassen. Es gibt kaum etwas, das ich mehr liebe, als zu reisen; kaum etwas, das mehr den Kern meines Wesens beschreibt, als meine Reisen; kaum etwas, über das ich lieber rede, als meine Reisen, weil ich bei jeder Erzählung wieder so viel Liebe und Dankbarkeit spüre. So bin ich unter anderem durch die Würste Jordaniens gewandert und habe Beduinen getroffen; war an der Formel-1-Rennstrecke in Bahrain; habe ich im Burj al Arab in Dubai gespeist und in Abu Dhabi eine wunderschöne Moschee besucht; war ich in Dänemark in zwei Meeren gleichzeitig; in Slowenien schmetterte ich beim Rafting durch den Fluss; in Israel trieb ich im Toten Meer und trank einen Cocktail in Banksy’s The Walled Off Hotel mit Ausblick auf die israelisch-palästinische Mauer, in Palästina lief ich durch zerstörte Stadtteile; in Österreich beobachtete ich Murmeltiere; durch Russland fuhr ich mit der Transsibirischen Eisenbahn; in Sibirien schlitterte ich bei minus 30 Grad auf blauem Eis, bin mit Kleinbussen über einen gefrorenen See gefahren, der 59 Mal so groß ist wie der Bodensee; im kroatischen Sommer schmolz das Eis schneller, als ich es Essen konnte, weshalb ich jeden Tag im Meer tauchte; in England war ich auf den Spuren von Robin Hood im Sherwood Forest und in Schottland auf denen von Nessie unterwegs; in Frankreich tanzte ich zu den Red Hot Chilli Peppers auf einem Festival, habe die Gräber von Jim Morrison, Marcel Proust und Oscar Wilde besucht und bin die größte Sanddüne Europas heruntergerutscht; in den Niederlanden wurde ich fast von Fahrrädern überfahren und bewunderte die Rennstrecke Zandvort (zu dem Rest äußere ich mich nicht); in Neuseeland war ich Paragliding, traf Kiwis und Hobbits und bin durch den Abel Tasman Park mit Blick auf Pinguine und Robben gekajakt; in Italien besuchte ich Romeo und Julias Heimatort; in Japan musste ich einen Raketenangriff von Nordkorea (üb)erleben, bekam die gesamte Kollektion von Hello Kitty geschenkt (inklusive Hello Kitty Klopapier), bin durch das Fukushima-Katastrophengebiet gelaufen und habe mit Überlebenden der Flut- und Nuklearkatastrophe geredet; in Indien wurde ich von acht Mädchen gleichzeitig in einen Sari gekleidet; in Luxembourg war ich auf dem Weihnachtsmarkt und aß die besten Süßigkeiten, die ich jemals gegessen habe; in der Schweiz habe ich Käsefondue gegessen und wurde fast von einem Schwan in den Hintern gebissen; auf Kuba schnorchelte ich im karibischen Meer, bin im Chevrolet durch Havanna gefahren, habe in einer Höhle getanzt und feierte das 500-Jährige-Jubiläum von Havanna in Havanna; in Irland habe ich eine Hexe getroffen; in Island bin ich in heißen Grotten geschwommen und mit dem Quad einen Vulkan hochgefahren; auf den Malediven habe ich Luxus erlebt; auf der griechischen Insel Naxos bestieg ich den Berg Zeus; in Kanada wurde ich von den Niagara-Fällen nass und erlebte den Tod von Queen Elizabeth; auf Bornholm traf ich Kobolde und aß das größte Eis der Welt; in Thailand erlebte ich die beste Massage der Welt und den lautesten Nachtzug; in Singapur regnet es nur; in Malaysia lebte ich im Dschungel; in Indonesien bei einem indigenen Dorf; im Oman bewunderte ich Oasen; in Marokko (über-)lebte ich das schlimmste Erdbeben, das das Land jemals hatte, sah Tote und Verletzte auf den Straßen liegen; in den USA zockte ich in Las Vegas, lief mit zerrissenen Jeans durch San Francisco, wanderte durch den Grand Canyon, auf den Spuren der Hollywood-Stars durch Los Angeles und zauberte in New Orleans; in Ägypten schlitterte ich über den Nil; in Tschechien wurde ich von Kälte umgeben; in Belgien aß ich die besten Pommes; in Barcelona fand ich das Leben; in der Türkei fand ich Entschleunigung. 

Während ich meine Doktorarbeit verfasste, um die Welt reiste, meinen ersten Roman schrieb und arbeitete, knüpfte ich zudem relevante berufliche Kontakte, durfte mit namenhaften Organisationen und Unternehmen zusammenarbeiten, beispielsweise dem Deutschen Fußball Bund (DFB), Apex Social, der Akademie für politische Bildung Tutzingen. Zudem hatte ich durch meine ehrenamtlichen Tätigkeiten der letzten Jahre unter anderem als Öffentlichkeitsbeauftragte bei einem internationalen Verein, als Marketing-Managerin bei Model European Union, als Vorstandsmitglied bei der Kinder-und-Jugendarbeit, als Sprecherin der Stipendium-Regionalgruppe viele Erfahrungen auch in diesen Bereichen sammeln und positiven Einfluss nehmen können. Weiterhin fing ich in dieser Zeit an, als Lehrbeauftragte an Universitäten und als Speakerin bei Unternehmen zu arbeiten. 

Ich arbeitete viel, zu viel. Doch das war zeitlich begrenzt. Nach der Doktorarbeit würde ich einen Gang zurückschalten. Mir wurde ein Traumjob angeboten, den ich nach dem Ende meiner Doktorarbeit anfangen konnte. Zudem fand ich meinen Traummann. Nach den Erlebnissen mit meinen Exfreunden benötigte ich viel Zeit, viel Heilung, viel Alleinsein, bis ich mich wieder in den Dating-Jungle getraut hatte. Jeder Jungle auf dieser Welt ist besser als der Dating-Jungle dieser Tage. Vergiss Anakondas und Vogelspinnen, die wahre Gefahr sind Ghosting und emotional nicht verfügbare Männer. Das hatte ich nach zahlreichen frappierenden Dates gelernt. Ich hatte mich daher damit abgefunden, allein zu bleiben. Doch dann traf ich diesen umwerfenden Kanadier in Bangkok. Es folgten zwei Jahre im Glauben, meinen Seelenverwandten, meine Twin Flame, die Liebe meines Lebens, gefunden zu haben. Er gab mir wieder Hoffnung, Hoffnung auf Liebe, Hoffnung darauf, dass es doch gute Männer auf dieser Welt gibt, Hoffnung auf mein Cinderella-Märchen. Es war sehr schwer für mich, mich nach den erlebten Traumata mit Männern wieder einem Mann zu öffnen und Vertrauen aufzubauen, aber ich tat es mit viel Kraft und Überwindung. Es lohnte sich, ich war das erste Mal in meinem Leben wirklich verliebt – und das nach allem, was ich durchgemacht hatte mit Männern. Ein absolutes Märchen. Das erste Mal wahre, vollkommene, alles überwältigende Liebe zu spüren, war umwerfend. Er war gut. Wie oft hatte ich ihm gedankt, dass er gut war, dass er mir den Glauben an gute Männer zurückgegeben hat, wie oft habe ich mich bei ihm über die Männer aufgeregt, die ihre Freundinnen betrügen, sie schlecht behandeln, gewalttätig sind und ihm gedankt, dass er nicht so ist. Ich erwähnte ungefähr jede zweite Woche, dass Ehrlichkeit und Loyalität das Wichtigste für mich sind. Er sagte mir, ich sei seine Seelenverwandte, ein Engel, seine beste Freundin, der wichtigste Mensch in seinem Leben, es sei Schicksal zwischen uns, niemanden würde ihn so gut verstehen wie ich, ich sei so sexy und heiß, dass ich ihn ganz verrückt machen würde, ich hätte so ein gutes Herz, ich würde ihn inspirieren und motivieren wie sonst niemand. Nach zwei Jahren fand ich jedoch heraus, dass er nicht Prinz Charming war, sondern ein Schurke, es kein Märchen mit Happy End war, sondern ein teuflischer Fluch aus Manipulation, Scheinidentität und Lügen. Seine Tätigkeit als Undercover Cop ging auch in sein Privatleben über: Scheinidentitäten konnte er sehr gut erschaffen. Nach zwei Jahren erfuhr ich, dass er gar nicht Single war, so wie er mir das damals bei unserem Kennenlernen in Bangkok erzählt hatte, sondern seit 10 Jahren verheiratet ist, eine Tochter mit seiner Frau hat und alle zusammen in einem Haus wohnen. Das hätte bereits gereicht, um mich emotional zu zerstören, getoppt wurde das jedoch dadurch, dass er die Bösartigkeit und Dreistigkeit besaß, mich darüber auch noch anzulügen und sich und seine Tochter als das Opfer zu inszenieren: Seine Frau sei gewalttätig, er wollte sich ständig trennen, aber die Frau würde ihn erpressen, er müsse bei ihr bleiben, um das Kind zu beschützen, er konnte mir daher auch nichts davon erzählen. Er kannte meine Geschichte, kannte meine Trauma, wusste, dass ich mir geschworen hatte, jedes Kind vor genau so einer Situation zu retten. Also versuchte ich alles, was ich konnte, um das Kind und ihn zu retten – bis ich mich in die Angst um die beiden komplett verlor. Das triggerte alles in mir, alle Traumata meiner Vergangenheit kamen wieder hoch. Das war zu viel. Zu viel für mich. Als mir dann noch klar wurde, dass er mich sogar darüber angelogen hatte, dass seine Frau überhaupt nicht gewalttätig war, ihn nie erpresst hatte, das Kind und er nie in Gefahr waren, er mir das auch noch das als Lüge verkaufte, wissend, wie sehr mich diese Lüge kaputt machen würde, und ich dann auch noch meinen Traumjob verlor, weil die USA neue Leitlinien für die Visavergabe einführten, das Unternehmen daher keine Ausländer mehr anstellen wollte, war ich komplett kaputt. So sehr am Boden wie niemals zuvor. Zu erkennen, dass der Mann, der für mich die Hoffnung war, der Glaube daran, dass es doch gute, loyale, ehrliche, aufrichtige Männer gibt, die mich gut behandeln, nie dieser Mann war, sondern es nur seine kranke Inszenierung war, um mich besitzen, ausnutzen und manipulieren zu können, war ein unermesslicher Schmerz. Ich war das erste Mal in meinem Leben verliebt, doch musste ich nun erkennen, dass auch dies nie Liebe war, sondern ein Trugbild, eine Scheinidentität. Ein kranker, widerlicher Mann, der mich zwei Jahre lang anlog und benutzte, der eine Identität erschuf, die es so nie gab, der Sachen über sich erfand, weil er wusste, dass ich so glauben würde, dass wir beide perfekt zusammen passen würden. Alles, was ich glaubte, wahr zu sein, war es nicht mehr. Meine Annahmen über die Realität wurden zerstört. Die Depressionen, die immer in mir schlummerten, brachen in voller Intensität durch, ebenso die Selbstmordgedanken. Ich wollte sterben, ich konnte nicht mehr. Rückblickend erscheint es mir unfassbar dämlich und lächerlich, dass ich wegen eines manipulativen, kranken Lügners mein kostbares Leben aufgeben wollte, doch damals war es nicht nur der Moment, die Situation an sich, sondern auch die Vergangenheit, die mich so sehr triggerte, dass ich zerbrach. 

 

Ich hatte daher zwei Möglichkeiten: Sterben oder einen Ausweg finden. Ich entschied mich für den Ausweg. Ich musste endlich die Wurzel erwischen, die Ursache beseitigen, frei werden von Selbstmordgedanken und Depressionen, die immer in mir schlummerten. Meine komplexe Posttraumatische Belastungsstörung komplett zu heilen, war nicht möglich, das war mir bewusst, es würde vor allem gesundheitlich immer Situationen geben, die mich triggern würden. Aber ich wollte frei von den Selbstmordgedanken und Depressionen sein. Die absolvierten Therapien hatten nie das Problem bei der Wurzel gepackt. Ich hatte irgendwann aufgegeben, glaubte, ich müsste für immer damit leben, vielleicht sogar eines Tages nicht mehr damit leben und mich umbringen. Aber zu diesem Zeitpunkt änderte sich etwas. Ich wollte nun endlich richtige Heilung, brauchte Heilung. Ich brauchte mehr. Tiefgehender. Komplexer. Fundierter. Individueller. Also entwickelte ich meine eigene Methode, um mich zu heilen. Die ASSH-Methode. Ich nutze all das Wissen von meinen Reisen, von den Menschen, den Kulturen, den Tieren, den Orten, von meiner Ausbildung, Doktorarbeit, Fortbildungen, beruflichen Aktivitäten, von der Kunst, der Wissenschaft, der Spiritualität, der Menschlichkeit und entwickelte so einen Ansatz, der funktionierte. Unglaublich. WTF. Es funktionierte. Es dauerte, aber es klappte. Ich war frei von Depressionen und Selbstmordgedanken. Noch mehr: Ich war frei von People Pleasing, dem Gefühl wertlos zu sein, dem Mitspielen von sinnlosen Regeln, um anderen und mir etwas zu beweisen. Ich befreite mich von den gefährlichen Bullshit-Glaubenssätzen, die ich als Kind gelernt hatte. Die Opferrolle lag ich ab, ebenso den Perfektionismus. Ich strebte nicht mehr nach Status, nach dem Erreichen von vermeintlichen Meilensteinen, nach Zertifikaten, um zu zeigen, dass ich etwas wert war. Es ging nicht mehr darum, was die anderen Menschen von mir wollten, sondern was ich will. Ich musste nicht mehr das brave Mädchen sein, das nur für die anderen Menschen lebt, versucht alles richtig zu machen und sich an schwachsinnige gesellschaftliche Vorgaben hält. "Fuck around and find out - and have fun" galt nun, anstatt wie früher lähmender Perfektionismus, Overthinking und dem Folgen von Bullshit-Regeln. Ich musste niemanden mehr von meinen beruflichen Erfolgen berichten, um klarzumachen, dass es gut war, dass ich am Leben war. Ich wusste nun, dass ich so verdammt viel wert war. Einfach so. Es gab mich und das war wundervoll. Ich war das Märchen. Ich bin das Märchen. Ich bin der Zauber. Die Magie. Ich suchte immer im Außen nach diesem Zauber, dabei trug ich schon immer diesen Zauber in mir, nun konnte ich das zum ersten Mal sehen, begreifen, fühlen. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich wertvoll, nahm ich mich als wertvoll, als gut genug, als hübsch genug war. Sexy, heiß, lustig, verrückt auf die beste Art und Weise. Als eine verdammt coole Königin. Als Lara Croft, die ich immer sein wollte. Ich musste nicht mehr perfekt sein, ich musste niemanden mehr etwas beweisen, die Bedürfnisse von anderen standen nicht mehr über meinen eigenen. Meinen Schatten, meine Dunkelheit, meine vermeintlichen Schwächen konnte ich in Liebe zu mir annehmen. Ich konnte mein Ding machen, ohne mich rechtfertigen zu müssen, ohne mir Gedanken über die Meinung von anderen machen zu müssen. Ich hatte immer die Disziplin, den Ehrgeiz und die Kraft, um über meine Grenzen zu gehen. Beim Sport so lange durchzuziehen, bis mir schwindlig wurde, so lange zu arbeiten, bis ich mich übergeben musste. Nicht 100 Prozent, sondern 222 Prozent geben. Motivation hatte ich im Übermaß. Das hat Vorteile. Jedoch auch Nachteile. Nun hatte ich endlich gelernt, meine Grenzen wahrzunehmen und wertzuschätzen. Ich konnte nun Regenerationsphasen mit gutem Gewissen wahrnehmen. Ich war zum ersten Mal in meinem Leben dankbar am Leben zu sein. Konnte das Leben endlich als wahres Geschenk annehmen. Spürte eine immense Wertschätzung, leben zu dürfen. War erfüllt. Erfüllt von mir, von meinem Leben. Ich spürte Leichtigkeit, Ausgelassenheit, Freude, Dankbarkeit, Glück. War endlich mit mir im Reinen. So pathetisch es klingt: Es war, als wäre ich neugeboren worden. Ich nahm die Welt plötzlich ganz anders wahr. Nach so vielen schweren Jahren endlich von Selbstmordgedanken und Depressionen befreit zu sein, veränderte komplett meinen Blick auf die Welt. Die ganze Welt – alles – war plötzlich anders. Schön. Leicht. Bunt. Ich lebte zum ersten Mal. Ich fühlte mich zum ersten Mal lebendig. Ich wurde zum Phönix, der aus der Asche auferstanden ist, endlich seine Flügel sehen und damit fliegen konnte. Heilung bedeutet oft auch, zu den Gedanken, Charakterzügen und Empfindungen zurückzukehren, die man als Kind bzw. Jugendliche hatte, damals aber noch nicht vollkommen verstand und sicher ausleben konnte. Für mich bedeutet es, meinen inneren Weirdo zu lieben und stolz nach außen zu tragen. Für mich bedeutet es zudem, die Zitate, die ich bereits als Jugendliche liebte, nun vollkommen zu verstehen. Als 16-Jährige war eines meiner liebsten Zitate von Den Toten Hosen: „Wenn wir nur einen Teil von uns ausleben. Was passiert dann mit dem Rest?“ Ich erahnte damals bereits die Bedeutung dieses Zitat, verstand die wahre Bedeutung für mich und mein Leben doch erst zu diesem Zeitpunkt meines Heilungsprozesses, indem ich meine Seele endlich vollkommen sah und annahm. Ich verstand, dass ich ein sehr vielfältiger Mensch bin, der sich daher auf vielfältige Weisen ausleben und verwirklichen muss und dafür unterschiedliche Menschen, Erlebnisse, Aufgaben und Räume benötigt. Ein weiteres meiner Lieblingszitate als Teenager war von Rise Against: „I'll show you mine if you show me yours first. Let's compare scars, I'll tell you whose is worse.“ Ich hatte mein Leben lang diese Sehnsucht nach Seelenverbindungen, danach die Tiefe meines Gegenübers zu entdecken und mich im gleichen Ausmaß zu öffnen. Kein Small Talk, keine belanglosen, oberflächlichen Gespräche, sondern das tiefste Innere, das wir als Menschen zu spüren bereit sind, zu teilen, um die intensivste menschliche Interaktion zu ermöglichen. Damit war ich früher jedoch oft allein und gab mir die Schuld, glaubte, mit mir stimme etwas nicht. Ich verstand nun jedoch, dass dies eine immense Superpower ist, die ich in mir trage, ich damit sehr vielen Menschen sehr helfen kann, es aber notwendig ist, die richtigen, passenden Menschen für so etwas zu finden. Ich öffnete mich früher Menschen, die für so eine tiefe Analyse ihrer Seele schlicht nicht in der Lage waren. Das ist vollkommen okay. In den weiteren Jahren meines Lebens lernte ich, welche Menschen dazu fähig sind und welche Menschen daher zu mir als engste Freundinnen und Freunde passen. Ich lernte zudem, wie ich diese Kompetenz nutzen konnte, um fremden Menschen zu helfen, ohne sie dabei zu überrumpeln oder zu überfordern. Zuletzt gab es ein weiteres Zitat, das mich bereits als Jugendliche faszinierte, ich aber nun erst zu diesem Zeitpunkt meines Heilungsprozesses emotional wahrnehmen konnte: „You’re the fighter. You’ve got the fire. The spirit of a warrior. The champion’s heart. You fight for your life. Because the fighter never quits. You make the most of the hand you’re dealt, because the quitter never wins. No!“ (Dropkick Murphys). Mich motivierte und inspirierte dieses Zitat bereits in frühen Jahren, nun fühlte ich endlich in meinem Herzen, dass dieses Zitat mein Leben war, begriff endlich, was für eine exorbitante Stärke und Kämpferinnen-Herz ich in mir trug, wie viel ich durchgestanden hatte, gegen wie viel Gegenwind ich ankämpfen musste, und dabei so viel erlebt, gemeistert und erreicht hatte, was für ein immenses Feuer und Kraft in mir thronen. 

Befreit von den Depressionen, dem Selbsthass, den Selbstzweifeln, den Selbstmordgedanken zu sein, eine Liebe und Dankbarkeit für das Leben zu spüren, das war der einschneidendste Momente meines Lebens. Ich hatte so viele Jahre meines Lebens mit diesen dunklen Gedanken verloren, hatte mich und die Welt durch eine beschlagene Brille gesehen, die alles Licht filterte. Die Farben der Welt nun zu sehen, mich leuchten zu sehen, machte mich so glücklich. Es machte mich aber auch wütend und traurig, dass ich unnötigerweise so viele Jahre verloren habe, es so viele Menschen da draußen gibt, denen es ähnlich geht. Es gab Momente, da hätte ich fast mein Leben beendet. Ich hätte mich umgebracht und dadurch niemals die Schönheit des Lebens und über mich selbst erfahren können. Daher beschloss ich, mich für mentale Gesundheit, für Selbstmordprävention, für Trauma, für Gewaltprävention, für das Empowerment der Menschen einzusetzen. Ich verfeinerte die ASSH-Methode, adaptiere sie auf eine Meta-Ebene, so dass ich damit auch andere Menschen unterstützen könnte, in jeglichen Facetten und Bereichen ihres Lebens. Alle Menschen, auch diejenigen, die keine Selbstmordgedanken oder Depressionen haben, die sogar bereits glücklich sind, aber beispielsweise noch auf der Suche nach einem Aspekt in ihrem Leben sind, oder diejenigen, die eine Sparring-Partnerin mit einzigartiger Perspektive für ihr Unternehmen benötigen.

Menschen empowern zu dürfen, sie unterstützen und beraten zu dürfen, sich mit ihnen gemeinsam über ihre Erfolge zu freuen, sie in ihrem Schmerz und Verwirrung begleiten zu dürfen, ist eines der schönsten Geschenke in meinem Leben. Das erfüllt mich, das ist Teil meiner Soul Mission, das macht mich so sehr glücklich. Mit Klientinnen und Klienten zu arbeiten und ihnen die ASSH-Methode zu vermitteln, war daher für mich die beste berufliche Entscheidung. Als Beraterin, als Wissensagentin, zu arbeiten, ist für mich eine Never Ending Story. Ich habe mich daher parallel weiterentwickelt und entwickele mich jeden Tag weiter. Leben ist ein Prozess, Lernen gehört dazu, wir sind Schmetterlinge, die immer wieder neu wachsen und sich entfalten. So habe ich beispielsweise eine mehrmonatige Coaching-Ausbildung absolviert. Zudem habe ich meine spirituellen Fähigkeiten weiterentwickelt und mich auch öffentlich dazu bekannt. Für mich war es eine immense Befreiung, mich endlich nach außen auch als das zu geben, was ich schon immer im Inneren war: Eine Alchemistin, eine Hexe, ein spirituelles Wesen. Schon als Kind hatte ich ausgeprägte spirituelle Fähigkeiten, jedoch hatte ich damals niemanden, der das für mich einordnete. Zudem waren Teile meiner Familie in eine Sekte involviert, weshalb alles, das irgendwie „anders“ war, mit Angst besetzt war und ich daher alles, was ich spürte und sah, unterdrückt habe, ignoriert habe. Meine spirituellen Fähigkeiten zu unterdrücken, hat jedoch meine Seele stark belastet. Nach der Trennung meines ersten Freundes habe ich mich meinem spirituellen Inneren wieder angenähert. Langsam. Schrittweise. Auf den Reisen habe ich zudem viele spirituelle Wesen getroffen und mich durch diese weitergebildet, beispielsweise durch eine Handleserin in New Orleans, einer Hellseherin aus Litauen, einer Hexe aus Irland, einem Schamamen in Sibirien. Zudem habe ich eine neunmonatige Ausbildung in Deutschland belegt zu den Themen Tarot, Astrologie und Coaching. 

 

Leider höre ich manchmal jedoch nicht auf meine eigenen Ratschläge. So habe ich mich auf einen Mann eingelassen, bei dem jegliche Pore meines Körpers mir zu schrie, dass ich das nicht tun sollte. Ein Kerl, bei dem meine beste Freundin meinte, dass sie noch nie so schlechte, gefährliche und kalte Vibes gespürt hätte, wie bei ihm. Ich war jedoch immer noch in einem vulnerablen Zustand wegen des Polizisten, der seit 10 Jahren verheiratet war und eine Tochter hat, dass ich einfach doof war. Ich habe mich auf einen Mann eingelassen, den ich aus meiner Kindheit bzw. Jugend kannte, der aussieht wie der Charakter Joe Goldberg aus You - und naja, der ebenso ein Mann ist, mit dem man nichts zu tun haben sollte. Zum Glück war es so schnell vorbei, wie es begann. Jedoch schämte ich mich danach so sehr, überhaupt etwas mit einem solchen Loser angefangen zu haben. Frappierend waren die Geschichten, die ich über ihn erfahren hatte, nachdem wir keinen Kontakt mehr hatten. Worte wie „Gewalt, Manipulation, Arschloch, gefährlich, Gefängnis, hinterhältig, verlogen, heuchelnd, egoistisch, ausnutzend, Narzisst, krank, peinlich, Loser“ sind über ihn gefallen. Das hätte erneut sehr schlecht für mich enden können. Für mich war das die Erkenntnis, um eine radikale Entscheidung zu treffen: Kein Mann mehr in meinem Leben. Kein Risiko mehr. Ich hatte mein Leben lang von partnerschaftlicher Liebe, von Loyalität, von einer erfüllenden Partnerschaft geträumt, von einem Mann, der mein Beschützer ist, wir zusammen etwas aufbauen, die tiefe Liebe haben über die die Toten Hosen bei "Bonnie und Clyde" singen, gemeinsam unsere Lebensziele erreichen, uns unterstützen und auffangen, Kinder positiv prägen, zusammen bleiben in guten und schlechten Zeiten bis zum Ende, für immer, wirklich für immer, auch und besonders dann, wenn das Leben hart und anstrengend ist. Doch ich musste erkennen, dass ich dieses Märchen wohl nicht bekommen würde. Es gab diesen Fluch, dass ich immer an die falschen, gefährlichen Männer geraten bin. Dieses Risiko wollte ich nicht erneut eingehen. Ich finde nur sehr, sehr, sehr selten einen Mann attraktiv, daher musste ich nicht viel gegen meine innere Leidenschaft ankämpfen. Ich habe jedoch in den letzten Jahren eine wichtige Sache gelernt: Nichts ist sicher. Im Guten und im Schlechten. Ich bin daher demütig genug, um zu wissen, dass das Leben keine Garantie für irgendetwas hat. Vielleicht wird es eines Tages dazu kommen, dass da ein Mann ist, der Single ist (wirklich Single), der mich gut behandelt, der mich beschützt, der kompatibel zu mir ist, der die gleichen Lebensziele wie ich hat, der die gleichen Einstellungen, Werte und den gleichen Blick auf die Welt hat wie ich, der mir zeigt, dass er es ernst mit mir meint, der mich ebenso beeindruckend und attraktiv findet wie ich ihn. Momentan kann ich mir das nicht einmal vorstellen, weil ich zu oft und zu intensiv von Männern hintergangen, ausgenutzt und verletzt wurde. Aber was ich denke und was das Universum für mich bereithält, sind zwei verschiedene Dinge. Vielleicht möchte das Universum mir ja doch noch mein Liebes-Wunder bescheren, ein Traum, wahrscheinlich sogar einer der größten und wichtigsten Träume meines Lebens, wäre das auf jeden Fall, schließlich habe ich mir schon vor Jahren ein Cinderella-Tattoo tätowieren lassen. 

Ich hatte zu dieser Zeit noch eine große Sache zu beenden, die auf meiner Seele lastete: Meine Doktorarbeit fertig stellen. Meine Doktorarbeit behandelt die Themen mentale Gesundheit, Trauma, Holistic Healing, Organisationsstrukturen, Projektmanagement, Gewaltprävention bzw. Gewalt gegen Frauen, Kunst und Wissenstransfer. In dieser Doktorarbeit steckte mein gesamtes Herzblut, ebenso meine Angst und auch die Rebellion gegen die diskriminierende Gesellschaft in Deutschland, denn als traumatisierte Frau aus der Arbeiterklasse einen Doktortitel zu bekommen, ist statistisch gesehen eigentlich unmöglich. Diese Möglichkeit erhalten fast nur Kinder aus Akademikerfamilien, meist männlich, meist mit vielen Privilegien versehen, meist ohne Trauma. Diese Doktorarbeit war daher auch ein Kampf. Ein sehr harter Kampf gegen ein sehr unterdrückendes, diskriminierendes System. Mein Doktorvater war zum Glück die Personifizierung von Paddington. Ein Mensch mit so einem guten Herzen, das ich Tränen vor Dankbarkeit in die Augen bekomme, wenn ich nur an ihn denke. Zudem hatte ich eine immense, unglaubliche Unterstützung durch meine Freundinnen und Freunde, meine (Wahl)-Familie erlebt. Nicht nur bezüglich meiner Doktorarbeit waren sie Engel, haben mich aufgefangen und alles für mich getan, sondern auch sonst in meinem Leben. Ja, ich liebe meine ASSH-Methode und ich weiß, dass sie funktioniert. Aber ohne die wundervollen Menschen in meinem Leben hätte ich all das niemals erreicht. Ich verdanke diesen Menschen mein Leben und liebe sie mit allem, was ich bin und habe. Ich verdanke diesen Menschen mein Überleben und auch einen großen Anteil an meinen Erfolgen. Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie dankbar ich diesen wundervollen Menschen bin, was sie alles für mich getan haben, welchen enormen positiven Einfluss sie auf mein Leben haben und wie viel sie mir bedeuten. Wenn man sehr viel erlebt hat, sehr viel versteht, sehr viel weiß, die Matrix durchblickt hat, sehr empathisch und liebevoll ist, dann macht das den Kreis der Menschen, die als enge Freunde in Frage kommen, sehr klein. Ich habe das enorme Geschenk, diese besonderen, großartigen Menschen gefunden zu haben und in meinem Leben zu haben. Meine Liebe und Dankbarkeit für sie ist unermesslich. Sie sind wirklich ein Wunder, mein Wunder, mein ganz persönliches Wunder, das ich aus ganzem Herzen wertschätze.

Die Endphase der Doktorarbeit erforderte all meine Kraft. Ich war durch den Polizisten und den You-Kerl psychisch immer noch mitgenommen, mein Körper reagierte stark auf diesen beiden Männer bzw. auf die negativen Erlebnisse mit ihnen. Dazu der Stress durch die Doktorarbeit. Es wurde immer schlechter. Viel schlechter. Ich hatte eines Tages einen Anfall von Schmerzen, dass ich glaube, ich würde sterben. Die Schmerzen waren so schlimm, dass ich nicht einmal den Notarzt rufen konnte, weil ich wie betäubt von den Schmerzen war. Nach einigen Stunden waren die Schmerzen ertragbar. Doch einige Zeit danach kam es wieder zu einem Anfall. Ich wusste, dass ich zu einem Arzt musste. Ich hatte einige Zeit vorher eine wundervolle Ärztin, eine plastische Chirurgin in einem Krankenhaus in Hessen, kennengelernt, sie beeindruckte mich zutiefst mit ihrer Fachkompetenz und Menschlichkeit und war für mich die perfekte Ärztin, das absolute Vorbild für alle anderen. Leider war sie damit die Ausnahme. Ich wusste, auch aus beruflicher Beratung, dass sie eine Ausnahme war und das deutsche Gesundheitssystem nichts mit Gesundheit zu tun hatte, sondern der Terminus Krankensystem verwendet werden müsste. Zudem gab es meine eigenen persönlichen Erfahrungen mit dem deutschen Gesundheitssystem, als ich die schmerzhafte Infektion im Unterleib hatte, ich fachlicher Inkompetenz und menschlicher Empathielosigkeit für Monate ausgeliefert war und mir das ein medical trauma beschert hatte. Ärzte, Krankenhäuser, starke körperliche Schmerzen, so dass man anderen Menschen ausgeliefert ist, hilflos ist, keine Kontrolle hat, ist daher meine Achillesferse, wörtlich. Verdammte Scheiße. Es gibt nichts, das mich mehr triggert, mich mehr fertig macht als das. Aber die Schmerzen waren so schlimm, mir ging es so schlecht, ich wusste, ich musste in eine Arztpraxis. Das spülte all die traumatischen Erlebnisse mit meinen Exfreunden hoch, all die traumatischen Erlebnisse mit den Ärzten bei der Entzündung in meinem Unterleib. Ich war zu diesem Zeitpunkt in Krav Maga geübt, ich war auf der ganzen Welt allein umhergereist, war in vielen gefährlichen Situation, ich hatte mir daher das Gefühl von Kontrolle zurückerobert. Ich wusste, ich könnte mich im Notfall körperlich zumindest besser wehren als früher, ich wusste, ich hatte bereits einige Momente überlebt, bei denen ich hätte sterben können. Doch körperliche Schmerzen zu empfinden, deswegen eingeschränkt zu sein und daher zu wissen, ich bin wieder Ärzten ausgeliefert, das war für mich die Hölle. Menschen ausgeliefert zu sein, mit denen ich sonst auf keinen Fall Kontakt hätte, keine Kontrolle zu haben, schlimme Schmerzen zu spüren, mich nicht wehren zu können - das Schlimmste für mich. Leider waren das nicht nur Erinnerungen, Ängste aus der Vergangenheit, sondern wiederholten sich so in der Gegenwart. Meine Hausärztin hat mich als junge Frau natürlich nicht ernst genommen. Ich sagte, ich hätte die schlimmsten Schmerzen meines Lebens, sogar noch schlimmer als damals bei der Infektion im Unterleib, ich fühle mich, als würde ich sterben. Sie sagte, ich sei einfach zu sensibel, würde mir daher die Schmerzen einbilden, müsse mich entspannen, dann würde sich das alles schon wieder klären. Es folgten acht Monate mit Horrorschmerzen. 

 

Ich habe keine Ahnung, wie ich es geschafft habe, aber irgendwie habe ich dabei sogar noch meine Doktorarbeit fertig gestellt und abgegeben. Der Tag der Abgabe meiner Doktorarbeit sollte einer der schönsten Tage meines Lebens werden, doch das Leben passierte mal wieder anders. Die Nacht vor der Abgabe ruf meine Tante an, meine Oma läge im Sterben, mein Vater fuhr zu ihr ins Krankenhaus. Ich war zu dem Zeitpunkt gesundheitlich so angeschlagen, dass ich mich nicht traute, allein mit dem Zug zur Abgabe zu fahren, geschweige denn Auto zu fahren. Dank deutscher Bürokratie musste an diesem Tag die Abgabe erfolgen, ein spontanes Verlegen der Abgabe wäre nicht möglich gewesen. Mein Vater kam daher vormittags zu mir, fuhr mich in die Universität, ich gab meine Doktorarbeit ab. Ich gab meine Doktorarbeit ab, meine Oma starb in dem Moment. Meine Tante war bei ihr, mein Vater bei mir. Ich hatte die vorherigen Monate oft an meine Oma und Tante gedacht, wollte nach dem Ende meiner Doktorarbeit und bei hoffentlich besserer Gesundheit mit meiner Tante wieder mehr unternehmen und mit meiner Oma Frieden schließen. Als Kind hatte ich Angst vor meiner Oma wegen ihres Verhaltens, wegen ihrer diffusen Aussagen, wegen ihrer schrillen Art und Weise. Schizophrenie, multiple Persönlichkeitsstörung, Psychosen, sie hatte viele Krankheiten diagnostiziert bekommen. Als Erwachsene, als Expertin für mentale Gesundheit, blickte ich neu auf sie, dachte ich, ich würde sie eines Tages treffen und ich könnte ihre Seele erkennen, ihr und mir helfen. Doch sie starb in dem Moment, als meine Doktorarbeit zu Ende ging. 

Ein paar Wochen nach der Abgabe meiner Doktorarbeit waren die Schmerzen nicht mehr auszuhalten, mein gesamter Körper so fertig, dass ich nicht mehr richtig stehen konnte. Wunder geschehen und das war ein Wunder: Meine Mutter rettete mich. Sie hat für mich einen Termin bei einer neuen Ärztin ausgemacht und diese Ärztin war nicht nur ein absoluter Sonnenschein, voller Empathie, Menschlichkeit und Sympathie, sondern auch fachlich exzellent, untersuchte mich daher sofort und fand einen Gallenstein. Ich wusste, dass ich operiert werden musste. Doch ich hatte Angst. Große Angst. Ich hatte endlich die Depressionen und Selbstmordgedanken hinter mir gelassen, war so glücklich, das erste Mal in meinem Leben wirklich vollkommen glücklich und erfüllt, ich liebte endlich das Leben, jetzt konnte es nicht vorbei sein. So sehr ich früher mich und das Leben hasste, so sehr liebte ich nun mich und das Leben. Voller Intensität liebte ich das Leben und wollte nichts mehr, als zu leben. Die Angst vor den Tod belastete mich. Extrem. Ich wusste als spirituelles Wesen, dass der Tod nicht das Ende ist, unser Planet sowieso der abgefuckteste von allen ist, aber all das war mir egal, denn ich hatte endlich meine Mission auf diesem Planeten gefunden, ich erlebte jeden Tag, wie sehr ich anderen Menschen helfen konnte, ich war daher nicht ansatzweise bereit, das nun durch meinen Tod aufzugeben. Es gab noch so viel zu tun, so viel zu erreichen, so viele Momente nachzuholen, bei denen ich einfach nur glücklich sein wollte. Die Angst, dass mir das genommen werden könnte, genau dann, als ich endlich gerne lebte, das war so ironisch, so tragisch, machte mich so fertig. Zudem hatte ich als spirituelles Wesen schon immer Visionen über die Zukunft. Bei meinem eigenen Leben sind die Visionen oft diffus. Doch in diesem Fall waren sie leider sehr deutlich: Ich sah, dass es mehr als nur ein Gallenstein war, es gefährlicher war, als es wirkte, ich sah, dass die Narkose mich total fertig machen würde, ich sah, dass der Tod auf mich in diesem Krankenhaus warten würde. Doch ich wusste auch, ich hatte keine Wahl. Ich musste jetzt diese Operation machen lassen. Dementsprechend angespannt und fertig mit den Nerven war ich. Es war nicht nur ein Gallenstein, es waren vier, vier große Gallensteine an sehr schlechten Positionen. Es waren nicht nur vier große Gallensteine, sondern auch eine chronisch entzündete Gallenblase. Die Entzündung war so stark, dass diese sich bereits auf die Leber und den Magen-Darm übertrug. Ein bisschen länger und ich hätte es vielleicht nicht überlebt. Die nächste Gallenkolik hätte mich umbringen können. Die Narkose haute mich komplett um, mein Unterbewusstsein war auch noch Tage danach komplett überfordert, ich konnte nichts mehr filtern, ich sah und fühlte, was ich auf gar keinen Fall sehen und fühlen wollte. Die Zeit im Krankenhaus war grausam. Katastrophale Bedingungen. Proben, die verwechselt wurden, falsche Aussagen durch den Arzt, dein operierender Arzt, der dich mit einer anderen Patientin verwechselt, falsche Medikamente, falsche Kommentare in den Dokumenten, niemand, der mit einem spricht, Termine, an die sich niemand erinnert. So viele Fehler, so viel Unwissenheit, so viel Ignoranz. Ich hatte Angst, dass einer der exorbitant vielen Fehler mir mein Leben kosten könnte. Ich überlebte. Aber der Tod verfolgte mich in dem Krankenhaus, so wie ich es vorab spürte. An dem Tag, als ich ins Krankenhaus kam, kam meine Tante auch ins Krankenhaus. Ich dachte, es sei bei ihr psychisch bedingt, der Tod von ihrer Mutter (meiner Oma) habe sie so sehr mitgenommen, dass sie stark abgenommen habe. Zwei Tage später erfuhren wir, dass sie Lungenkrebs hatte. Aggressiv. Sie lag genau unter mir im Krankenhaus. Ich war Zimmer 201, sie war Zimmer 101. Ich humpelte zu ihr. Wir redeten über Reisen. Über Freunde. Über Blumen. Vier Tage später starb sie in dem Krankenhaus. Ihr Tod veränderte mich. Ihr Tod veränderte viel. Sie war es, die mich damals zum Reisen gebracht hatte, sie gehörte zu den wenigen Menschen in meiner Familie, die ich liebte, mit denen ich verbunden war. Sie inspirierte mich. Doch jetzt war sie weg. Tot. So schnell. Einfach so. 

 

In der nächsten Zeit geschah etwas, das ich niemals für möglich gehalten hätte: Ich war befreit von dem Hass, den ich jahrelang auf meine Mutter empfand und der mich innerlich auffraß. In gewisser Weise hatte sie mir das Leben gerettet, indem sie den Termin bei der neuen Ärztin für mich vereinbart hatte. Ironisch, wie das Leben spielt. Früher sagte sie mir, ich solle mich umbringen, ich lebte jahrelang mit Selbstmordgedanken, nun wollte ich leben und sie rettete mein Leben. Dafür bin ich ihr dankbar. Das half, um den Hass von meiner Seele zu nehmen. Über die Jahre hinweg verstand ich Vieles. Es war keine Entschuldigung, aber eine Erklärung. Sie war in ihrem eigenen Schmerz, in ihrer eigenen Überforderung verloren, so verloren, dass sie nicht einmal sehen konnte, dass sie verloren war. Je älter ich wurde, je mehr ich für mich eintreten und mich verteidigen konnte, je mehr sie von externen Belastungen befreit wurde, desto besser behandelte sie mich. Eines Tages passierte das, was ich nie für möglich gehalten hätte: Ich konnte ihr vergeben. Das war für meine Seele eine Befreiung. Ich konnte sehen, dass irgendwo tief in ihrer Seele verborgen, sie wenigstens manchmal Gutes für mich wollte; Sachen sagte, die sie niemals hätte sagen dürfen, Sachen tat, die sie niemals hätte tun dürfen, es oft aus Verzweiflung und Überforderung geschah, sie es jedoch die letzten Jahre mit ihren beschränkten Ressourcen versuchte, wieder gut zu machen; auch wenn man so etwas natürlich nie gut machen kann. "Vergebung" ist daher vielleicht nicht das richtige Wort, eher eine Akzeptanz, ein Wissen, dass sie und ich in keiner Weise kompatibel sind, wir uns weder intellektuell noch menschlich auf dem gleichen Niveau befinden, wir daher niemals die Welt ähnlich sehen werden, sie mich niemals verstehen wird, sie nie wirklich verstehen wird, was sie durch ihre damaligen Worte und Taten verursacht hat, aber der Hass mich zerstörte, ich nicht in Hass leben will, sie das nicht verdient hat, ich ihr dankbar bin, dass sie die neue Ärztin für mich gefunden hat, darum bemüht war, mir zu helfen, darum bemüht war, gut zumachen, was sie zerbrochen hat, wir daher ko-existieren können und manchmal sogar nette Momente zusammen erleben, die nicht nur mich, sondern die ganze Welt damit heilen lassen. Es gibt sogar Momente, da empfinde ich mittlerweile so etwas wie Liebe für sie. Der Hass ist verschwunden, an dessen Stelle trat Akzeptanz und Liebe. Das war die größte seelische Befreiung in meinem Leben.

Mein Leben war für mich nun wunderschön. Es gab nur eine Sache, die mich belastete: Mein Leben war wunderschön. Kling ironisch. War es auch. Ich war endlich so glücklich mit mir, mit meinem Leben, mit meinem Beruf, mit meinen wundervollen Freundinnen, Freunde und Wahlfamilie, ich hatte endlich meine Lebensmission gefunden und lebte diese. Ich hatte daher Angst, dass dies von mir genommen werden konnte. Ich entschied mich daher dazu, auch hierbei als Alchemistin tätig zu sein und daher meine Angst in Kraft zu verwandeln. Als Kind hatte ich die Fähigkeit, Wesen aus anderen Orten, hierbei auch Verstorbene, wahrzunehmen. Das war die abgefuckteste Scheiße überhaupt für mich als Kind, weshalb ich diese Fähigkeit bewusst unterdrückte. Nun war es an der Zeit, dort wieder anzusetzen. Daher begab mich in die Beratung bei einem Medium und bemerkte hierbei, dass meine eigenen medialen Fähigkeiten (wieder) viel mehr Raum in meinem Leben einnehmen dürfen und sollen. Zudem bildete ich mich in dem Bereich der Heilpflanzen, Kräuter, alternativer Medizin weiter, auch um meinen Körper bestmöglich zu unterstützen. 

Heutzutage lebe ich in Dänemark, genieße das Meer, die Fjorde, die Märchenhaften Wälder. Mein persönliches Paradies und bester Ort, um meine Energie aufzuladen. Ich habe das große Glück, international arbeiten zu dürfen, so dass ich in der Welt zu Hause bin, an mehreren Orten auf der Welt im Laufe eines Jahres leben darf. Ich biete meine Services sowohl Remote über Videotelefonate an als auch vor Ort überall auf der Welt. Ich biete nun das an, was ich früher gebraucht hätte. Ich muss niemanden mehr irgendetwas beweisen, sehne ich mich nicht mehr nach externer Anerkennung, brauche kein Lob und Bestätigung mehr von anderen Menschen, um meine eigenen Wunden zu heilen, ich kenne meine Wunden und heile sie, ich habe wundervolle Menschen, die mir dabei helfen, ich bin stolz auf mich, fühle mich wertvoll, sexy und schön, bin mir selbst genug und das ist genug. Lass die anderen labern, was sie wollen, ist mir (fast) egal, was sie über mich denken oder sagen. Ich mache Kunst, schreibe Bücher, arbeite mit meinen Klientinnen und Klienten, kuschle meinen Hund, übe mich in Kampfsport, besuche mit meinem Vater Konzerte, genieße jeden Moment mit meinen Freundinnen, Freunden, meiner Wahlfamilie, bin in der Natur, umarme Bäume, reise um die Welt, zelebriere Spiritualität, mein Körper ist geschmückt mit Tattoos, ich fühle mich dadurch wie ein wunderschönes, buntes Kunstwerk, mein Körper und Seele sind im Einklang, ich liebe mich - mein Leben: Ein Märchen, das ich mir erschaffen habe, jeden Tag wache ich auf mit einer unermesslichen Dankbarkeit am Leben zu sein, gehe jeden Abend ins Bett mit dem Gedanken, wie wundervoll es ist, am Leben zu sein, wie erfüllt und glücklich ich bin, am Leben zu sein. Was für eine krasse, schöne Sache.

©Urheberrecht. Alle Rechte vorbehalten.

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.